Schnittmusterprogramme: einfach oder kompliziert?

Selber nähen ist etwas Tolles, vor allem dann, wenn einem die Natur eine Figur gegeben hat, die nicht so recht mit den Normmaßen der Bekleidungsindustrie kompatibel ist. (Wobei ich mich frage, ob es überhaupt jemanden gibt, der/dem die Kleidung von der Stange wirklich richtig und wie angegossen paßt?)

Egal, wer näht, hat dieses Problem nicht – so zumindest die weitverbreitete und leider falsche Meinung der nicht-Näher, denn wer näht, braucht dazu Schnittmuster. Und die sind natürlich nach den Normgrößen angelegt. 🙁

Schnittmuster ändern – gar nicht so einfach!

Einen Rock oder eine Hose beim Zuschnitt ein wenig nach unten zu verlängern oder zu verkürzen, ist für halbwegs geübte Hobby-Schneidersleut’ kein Problem. Komplizierter wird es, wenn Abnäher nicht dort sitzen, wo sie hin sollen, weil Frau den Busen etwas höher oder tiefer als die Norm-Frau trägt, wenn das Verhältnis von Taille zu Hüfte nicht den Standardmaßen entspricht, man besonders schmale oder breite Schultern hat – sprich: insgesamt einfach von der Standardfigur zu sehr abweicht.

Um diesen Nähproblemen aus dem Weg zu gehen, habe ich vor Jahren einen Schnittkonstruktionskurs gemacht, der mir sehr dabei half, vorhandene Schnittmuster für mich anzupassen und gelegentlich auch einmal etwas Neues zu zeichnen. Dennoch ist die Konstruktion von Schnittmustern auf Papier mit Maßband, Zirkel, geraden und Kurvenlinealen für den Laien recht aufwendig.

Bezahlbares Schnittmusterprogramm?

Umso positiver überrascht war ich, als ich kürzlich einen Artikel las, in dem von Schnittmusterprogrammen die Rede war. Ich wußte bisher nur von – im vierstelligen Preisbereich liegender – CAD-Profisoftware. Daß es solche Programme auch im eher preiswerten Bereich gibt, war mir neu und weckte meine Neugier sofort.

Die Suche führte mich ein verregnetes Wochenende lang durch verschiedene deutsche und englische Foren, in denen ich Empfehlungen, Besprechungen und Erfahrungsberichte für verschiedene Programme fand. Jetzt war mein Jagdtrieb genügend geweckt!

Nach und nach wurde mir klar, daß es zwei unterschiedliche Arten von Schnittmusterprogrammen gibt:

  1. Programme für Schnittkonstruktion, für die fundierte schneidertechnische Vorkenntnisse erforderlich sind, und
  2. Baukastenprogramme, die vorhandene Schnittmuster auf die Maße des Anwenders anpassen.

Programme, die keine Demoversionen anbieten, verwarf ich von vornherein; folgende Demos lud ich herunter und probierte sie aus:

Schnittkonstruktionsprogramm

Valentina-Projekt, Seamly2D

Dies ist ein Zeichenprogramm, mit dem man genau das tut, was man bei der Schnittkonstruktion auf Papier tut: man zeichnet seine Schnitteile und wird dabei vom Programm unterstützt, indem vorher eingegebene Maße direkt angewendet werden.

Zieht man z.B. eine Linie für die vordere Mittellinie von Hals bis Taille, so nimmt das Programm genau dieses Maß aus der Maßtabelle für die Länge der Linie.

Ich habe es auf dem Mac installiert; es gibt auch eine Windowsversion. Die Bedienerführung ist großteils in Deutsch, mit etwas Englisch durchmischt.

Das Programm ist kostenlos; es gibt ein Forum, ein Wiki und verschiedene Tutorialvideos dazu.

Eine tolle Software für schnittkonstruktionsgeübte Leute, aber nicht wirklich für Gelegenheitsschneider und schon gar nicht für Anfänger geeignet.

Baukasten-Schnittmusterprogramme

Golden Pattern, “passt!”

Ein deutsches Programm, das es als Freeware für Windows gibt. Unter einer Windows-Simulation auf Mac habe ich es leider nicht zum Laufen gebracht.

Golden Pattern enthält eine umfangreiche Maßtabelle; das Programm kommt aber lediglich mit einem Shirt-Schnittmuster daher, das man in verschiedener Länge, Weite, Ärmellänge und mit Ausschnittvarianten gestalten kann.

Weitere Basis-Schnittmuster kann man beim Hersteller erwerben; es gibt Module für Kleider, Röcke, Hosen, Blusen und vieles mehr. In den Beschreibungen ist nachzulesen, welche Variationsmöglichkeiten jeweils dazugehören. Preislich liegen die Schnittmuster etwa zwischen 15 und 25 Euro, wobei es auch teurere und umfangreichere Sammelpakete gibt.

Gut gemacht finde ich die unter dem Kleidungsstück eingeblendete Gestalt, die die eigenen Konturen wiedergibt. Man bekommt dadurch einen Eindruck, ob das Kleidungsstück zur Figur paßt.

Für Anfänger sicher recht gut geeignet. Ich behalte es installiert und werde es vermutlich als Ausweichmöglichkeit gelegentlich nutzen, falls mir einer der passt!-Schnitte gerade ins Konzept paßt.

Garment Designer

Ein Programm, das es für Windows und Mac gibt, und dessen Demoversion mir auf dem Mac zunächst gut gefallen hat. Es enthält Basis-Schnitteile für Damen, Herren, Kinder, Jugendliche, sogar Puppen, die in verschiedener Form variiert werden können.

Die Paßform kann von eng bis oversized gewählt werden, dazu gibt es verschiedene Abnäher, Teilungsnähte, Kragen- und Standard-Ärmelformen. Alles Standard- und Basis-Bauteile, etwas pfiffigere Extras fehlen leider.

Die Schnitteile sind Vektorgrafiken, die beliebig verändert werden können. Wer damit umgehen kann, zeichnet sich die fehlenden Ärmelabnäher oder einen ausgefallenen Kragen einfach dazu.

Bei den Hosen gibt es nur drei Basisformen; Hüfthosen sind z.B. nicht vorgesehen. Bei dem Versuch, im Zeichenmodus die Linie des Hosenbundes auf Hüfthöhe tieferzulegen, wanderte der Abnäher des Rückenteils brav mit, während sich der automatisch mit verkürzende vordere Hosenbund anpaßte, stülpte sich dessen Abnäher um 180 Grad nach oben um.

Mit 199 Euro bezahlbar, kam das Programm durchaus in meine engere Wahl. Letztendlich war es mir aber zu sehr auf die Basisschnitte fokussiert und mit zu wenig attraktiven Attributen ausgestattet.

Für Näherfahrene, die ein Schnittmuster “lesen” können, interessant, um damit Basisteile für die ganze Familie nähen zu können. Mangels Modellzeichnungen für Schnittmuster-Anfänger m.E. nur eingeschränkt geeignet

Dress Shop

Ein Windowsprogramm, dessen Demoversion ich nur kurz auf dem Rechner hatte. Ich konnte dazu nur relativ wenige vorgegebene Schnittmodule finden und fand das Programm so unübersichtlich, daß ich keine Lust, mich mit viel Zeitaufwand in die Demo einzuarbeiten.

Pattern Maker

Ein Windowsprogramm, das es in preislich abgestuften Ausführungen gibt, je teurer, je umfangreicher.

Die Demoversion überzeugte mich nicht, da sie viele Menupunkte der leistungsfähigeren Programmversionen nur anzeigt, man sie aber nicht ausprobieren kann.

Die einfachste Version kann lediglich vorhandene, käuflich zu erwerbende “Schnittmakros” an die eigenen Maße anpassen. Höhere Versionen können mehr, beinhalten eine Auswahl an Schnittmakros.

Insgesamt hat mich das Programm einfach nicht angesprochen, auch wenn es zweifellos Vorteile hat, die sich mir nicht erschlossen haben.

Pattern Master

Hier ist mein Favorit, auch wenn er leider nur auf Windows läuft. Die Bedienerführung ist in englischer Sprache; eine deutsche Version gibt es nicht.

Das Programm wird nach Modulen verkauft, z.B. “Boutique” für Damenoberbekleidung , “Tailor Made” für Herrenoberbekleidung u.a.

Das DOB-Modul enthält

  • Kleider mit Taillennaht
  • durchgehend geschnittene Kleider
  • Blusen + Shirts
  • Röcke
  • Jacken
  • Overalls
  • Hosen.

Skizzen der Modelle werden zugleich mit den Schnittmusterteilen gezeigt, damit auch jemand, der keine Schnittmuster “lesen” kann, sieht, wie das Kleidungsstück aussehen soll.

Neben zahlreichen Grundformen gibt es eine große Zahl von Variationsmöglichkeiten für Ausschnitt- und Kragenformen, Abnäher und Teilungsnähte, Passen, Ärmel, Manschetten, Rüschen, Taschen, Saumgestaltung … so viele unterschiedliche Möglichkeiten kenne ich bisher nur aus dem Lehrbuch für Schnittkonstruktion.

Darüber hinaus bietet das Programm die Möglichkeit, die Vektor-Schnittzeichnungen noch individuell zu verändern.

Das “Boutique”-Modul kostet 225 US$ = ca. 185 Euro.

Auch für Schnittmuster-Anfänger geeignet, sehr intuitiv bedienbar.

Anwendung der Schnittmusterprogramme

Ein paar Dinge sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man mit dem Gedanken an die Anschaffung eines Schnittmusterprogramms spielt, denn sie sind meines Erachtens für blutige Nähanfänger nicht geeignet:

  • Man braucht näherfahrene Hilfe beim Maßnehmen! Einige Maße – z.B. die hintere Rückenbreite oder -höhe – kann man alleine einfach nicht korrekt ermitteln.
  • Die Programme bieten keine Nähanleitung, die fertig gekaufte Schnittmuster mitliefern. Auch “technische” Schnitteile wie Belege, Bügeleinlagen oder Schrägbänder liefern die Programme nicht unbedingt automatisch mit.
  • Manche Programme bieten eine Möglichkeit zur Berechnung der Stoffmenge; dies sind jedoch nur Grundangaben, spezielle Erfordernisse wie für große Muster, Karos oder Stoffe mit “Strich” müssen extra berücksichtigt werden.
  • Ob und wie gut die Paßform letztendlich wird, läßt sich vorher leider nicht so genau sagen, da die Demoversionen keinen Probeausdruck erlauben.

 

 

8 Gedanken zu „Schnittmusterprogramme: einfach oder kompliziert?

  1. G. Martens

    Hallo Frau Fuchs,
    habe mit großem Interesse Ihre Schnittmustersoftware-Vergleiche gelesen. Meine Frage wäre, haben Sie mit dem Patern Master Boutique schon ein oder mehrere Modelle erstellt und wie sieht es mit der Passform aus? Wenn hier auch viel zu ändern ist, kann ich das mit einfachen Papierschnitten auch bewerkstelligen. Helfen würde hier nur eine gute Passfort nicht wie bei Golden Pattern dem Shirt, dass Sie genäht haben.
    Würde mich über eine Antwort freuen.
    Viele Grüße
    G. Martens

    1. Hildegard Fuchs Beitragsautor

      Hallo,
      danke für Ihren Kommentar. Ich habe an anderer Stelle inzwischen über den “Sloper” = Nesselmodell für einen Grundschnitt berichtet, der perfekt paßt:
      https://www.weingut-fuchs.de/blog/grundschnitt-sloper-patternmaster/
      Sobald der Grundschnitt gut sitzt, kann man dessen Maße als Basis für alle weiteren Stücke verwenden. Mit dem Basisschnitt habe ich inzwischen zwei Sommerkleider und mehrere Blusen genäht, die vorzüglich sitzen, ohne daß ich noch irgendwelche Schnittänderungen vornehmen mußte.
      Auch der Hosensloper ist inzwischen recht weit fortgeschritten; ich bin gerade dabei, eine erste Hose danach zu nähen.
      Wenn man mit dem Programm ein wenig vertraut geworden ist, liefert es sehr gute Ergebnisse. Der Support (in englischer Sprache) hilft außerdem sehr kompetent weiter.
      Für mich hat sich die Anschaffung wirklich gelohnt; ich würde den PatternMaster jederzeit wieder kaufen.
      Viele Grüße
      Hildegard Fuchs

  2. Regina Fricke

    Guten Tag Frau Fuchs ,
    Ich möchte nur DANKE sagen für einen grandiosen Beitrag .Wie viel Arbeit und Mühe Sie sich damit gemacht haben ! Unglaublich wie man so komplizierte Sachverhalte so toll und verständlich erklären kann.
    Herzlicher Gruss
    Regina Fricke

  3. heidi

    Nur eine Richtigstellung: Es stimmt nicht, das man in PatternMaker während der Demo nichts machen kann.
    Sie bekommen die Version freigeschaltet, die Sie sich aussuchen und die ist für 30 Tage voll funktionsfähig. Selbst wenn Sie die preiswerteste Version (DeLuxe)wählen, können Sie nach Erstellung des Schnittes alles Mögliche schon am Computer verändern. Mit einiger Übung können Sie sogar einen gänzlich neuen Schnitt zeichnen.
    Nur in der kostenlosen Version haben Sie keine Editiermöglichkeiten – kostet ja auch nichts.
    lg
    heidi
    PatternMaker

  4. Iris Niedermeier

    Hallöchen!
    Ich kann mich hier wirklich nur anschließen. Ein wirklich toller Beitrag!
    Was mich jedenfalls brennend interessieren würde, ist in wiefern sich kostenpflichtige CAD-Programme wie GRAFIS, LECTRA von der günstigen Variante von PATTERN MAKER unterscheidet. Vorrausgesetzt man möchte das Programm im kommerziellen Bereich nutzen.
    Gerade am Anfang ist ein so kostenintensiver CAD ganz schön teuer.
    Ist man denn untereinander nicht kompatibel, wenn man unterschiedliche CAD-Systeme verwendet, zB als Freelancer in Zuzsammarbeit mit einem Netzwerk? Eigentlich reicht es doch, wenn die Schnitte exportierbar sind in Dxf-AAMA und so-oder? Da kann ich leider bisher keine Info darüber finden… Und weiß jemand, ob es für Pattern-Maker auch Kurse gibt? Wäre echt super, wenn sich da jemand auskennen würde und sich evtl hier melden würde!!

    Ganz liebe Grüße, Iris

    1. Hildegard Fuchs Beitragsautor

      Hallo Iris,
      leider habe ich keine Idee, ob die Programme untereinander kompatibel sind. Würde mich – ehrlich gesagt – aber wundern.
      LG Hildegard Fuchs

  5. Angelique

    Hallo Frau Fuchs,

    ersteinmal wollte ich Danke für den wirklich tollen Beitrag sagen.

    Mich würde interessieren wie es sich bei den Baustein-Programmen mit dem Urheberrecht verhält.

    An sich sind Schnittmuster ja immer Copyright geschützt bzw. Lizensiert. Das heißt man darf Kleidung, die nach einem gekauften Schnittmuster genäht wurde, nicht verkaufen.

    Wenn ich jetzt ein Bausteinprogramm nehme und mir ein Schnittmuster erstelle ist dies ja rein theoretisch ebenfalls das geistige Eigentum von jemandem.

    Sind diese Schnittmuster vielleicht grundsätzlich nicht geschützt, weil sie als selbsterstellt gelten? Und wenn nicht, reicht es das Schnittmuster zu verändern um die Überheberrechtsverletzung auszuschließen?

    Vielleicht können Sie mir diesbezüglich ja weiter helfen. Auf den jeweiligen Internetseiten der einzelnen Programme habe ich bisher nichts genaues finden können.
    Ich würde mich über Ihre Antwort freuen.

    Liebe Grüße, Angelique

    1. Hildegard Fuchs Beitragsautor

      Hallo Angelique,
      leider kann ich Ihnen keine rechtliche Auskunft geben. Ob ein Verkauf der Schnittmuster aus diesen Programmen oder auch der Verkauf von danach genähter Kleidung zulässig ist, hängt wohl vom einzelnen Hersteller ab.
      PatternMaster, das Programm, mit dem ich inzwischen arbeite, verbietet laut Webseite den Verkauf von damit erstellten Schnittenmustern, erlaubt aber den Verkauf damit produzierter Kleidung. Zu diesem Programm gibt es noch einen große, professionelle Version namens „Cameo“, die beides zulässt.
      Vielleicht fragen Sie einfach beim Hersteller an, was zulässig ist? Wäre m.E. der sicherste Weg.
      Liebe Grüße
      Hildegard