Crinkle: himmlisch zu tragen, höllische Verarbeitung

Bluse aus Crinkle, 40% Seide + 60% Baumwolle

Bluse aus Crinkle, 40% Seide + 60% Baumwolle

Crinkle verarbeiten? So wunderbar dieses Material sich trägt – allein der Gedanke, einen solchen Stoff zu verarbeiten, hätte mich erschreckt, denn ich hatte bis vor Kurzem keine auch nur irgendwie geartete Idee, wie solch ein Stoff zu verarbeiten ist.

Aber es kam anders …

Auf der Suche nach einem Stoff für eine edle, als Geburtstagsgeschenk für eine ältere Dame in der Familie geeignete Bluse fanden meine Nichte und ich im Wormser Stoffladen eine aquamarinblaue Mischung aus 40% Seide und 60% Baumwolle. Der Stoff griff sich wunderbar zart an und zeigte auf der Rolle eine feine Webstruktur mit leichtem Glanz – perfekt für unseren Zweck. Dachten wir zumindest. Und weil er uns so gut gefiel, kauften wir die doppelte Menge, denn ich konnte mir für mich auch ein Oberteil daraus vorstellen. Daß es ein Crinkle sein könnte, ahnten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht …

Überraschung nach der Wäsche

Wie jeder Stoff, den ich verarbeite, wanderte er erst einmal bei 30º in die Feinwäsche. Als ich ihn herausholte, ahnte ich schon Böses, denn die ursprünglich 140 cm breite Stoffbahn war auf gut die Hälfte zusammengeschnurzelt und zeigte zahllose feine Knitterfältchen.

Auf der Wäscheleine auseinandergezogen, wurde das Geknitter auch nicht besser, im Gegenteil. Wo der Stoff auf der Leine auflag, wurde er breiter, wo er frei hing, schnurrte er zu einem schmalen Streifen zusammen.

Eines war klar: jedes Mal nach dem Waschen das Geknitter ausbügeln zu müssen, um die ursprüngliche Optik der gekauften Stoffbahn wiederherzustellen, wäre ein unendliches Ärgernis und eine echte Zumutung für die Beschenkte. So ein Mist!

Ich war erst mal so von den Socken, daß ich meiner Mit-Näherin berichtete, und wir beschlossen, Ausschau nach einer Alternative zu halten, weil ich mit dem Crinkle ganz und gar nichts anzufangen wußte. Natürlich fanden wir trotz intensiver Suche nichts, was uns wirklich als Alternative gefiel. Ich biß also in den sauren Apfel und machte mich auf die Suche nach Anleitungen zur Verarbeitung von Crinkle.

Crinkle verarbeiten

Auf zahllosen, hauptsächlich englischen Webseiten fand ich verschiedene sachdienliche Hinweise, die ich zunächst in einer Kladde als Ideensammlung zusammentrug:

  • statt Schere Rollschneider verwenden
  • mit Teflonfuß nähen
  • Nahtband verwenden
  • nicht bügeln
  • Nähte mit Papier oder Papiertaschentuch oder mit Klebeband fixiert nähen
  • Gewichte auf den Schnitt legen statt stecken
  • für Nähte kleine Zickzackstiche verwenden
  • nicht absteppen
  • mit Sprühstärke fixieren

Einige dieser Tips sind super, andere schienen mir sinnlos oder nicht umsetzbar.

Ein Crinkle-vorab-Modell zum Üben

In meinem Stoffschrank hatte ich noch einen weniger edlen und deutlich weniger stark gecrinkleten Baumwollstoff. In einem ganz ähnlichen Schnitt wie die geplante Bluse nahm ich damit ein Musterstück für mich in Angriff und machte meine ersten Crinkle-Verarbeitungsversuche. Sie gelangen so gut, daß wir uns anschließend an den “richtigen” Stoff trauten.

Gut übrigens, daß wir die doppelte Stoffmenge gekauft hatten; sie reichte gerade so für unser Schnittmuster!

Schnittmusterauswahl für Crinkle

Ein Wort noch vorab zur Wahl des Schnittmusters: alle Nähte, die parallel zur Laufrichtung des Stoffes verlaufen, sind unproblematisch. Alle anderen, egal, ob quer oder schräg zur Laufrichtung oder rund, brauchen “Crinkle-Spezialbehandlung”.

Insofern sind Schnittmuster mit wenig Rundungen, möglichst gerade verlaufenden Nähten und ohne Schnickschnack im weitesten Sinne am wenigsten schwierig zu verarbeiten.

Unser Schnittmuster war eine gerade geschnittene Bluse mit seitlichem Brustabnäher und einem leicht gebogenen V-Ausschnitt.

Crinkle-Stoff vorbereiten: Waschen + Trocknen

Da der Stoff nach der ersten Wäsche sehr ungleichmäßig breit lag, machten wir ihn noch einmal naß und ließen ihn, zu einem Strang eingedreht, auf einem Handtuch flach liegend trocknen. Man sollte ihn kordeln wie einen Strick, damit die Fältchen sich nicht ungewollt auseinanderziehen.

Bügeln verboten!

Vor dem Zuschnitt keinesfalls bügeln! Wer einen Crinkle ausgebügelt, kann den Stoff zwar ganz normal verarbeiten, muß dann aber nach dem Waschen jedesmal wieder bügeln und verliert damit den optischen Crinkleeffekt – oder aber hat ein Kleidungsstück, das ungebügelt aussieht, als wäre es drei Nummern zu klein ausgefallen und entsprechend eng wie eine Wursthaut sitzt.

Aber: Bereits geschlossene Nähte haben wir selbstverständlich leicht gebügelt, ohne dabei den Stoff platt zu machen. Es ging lediglich darum, die Nähte genügend flach zu gestalten, damit sie sich schön legten.

Crinkle zuschneiden

Der Zuschnitt unseres Schnittmusters erfolgte im Stoffbruch. Es war jedoch etwas tricky, die Stoffbahn gleichmäßig auszulegen.

Wir steckten zunächst die Webkanten längs aufeinander. Dann legten wir die doppelt liegende Webkante auf einem großen Tisch entlang der Tischkante, um eine gerade Linie zu bekommen, und beschwerten sie mit Untertassen (wer hat, nimmt echte “Stoffgewichte”). Von dort aus richteten wir den Stoffbruch auf eine gleichmäßige Weite aus und beschwerten auch diese Seite.

Es ist wichtig, die “natürliche” Weite des Stoffs beizubehalten; er soll weder auseinandergezogen noch gestaucht werden.

Die Schnittmusterteile legten wir zunächst mit Gewichten beschwert auf und steckten sie dann fest. Je mehr Nadeln, desto besser läßt der Stoff sich schneiden. In Ermangelung eines Rollschneiders und der zugehörigen Unterlage verwendeten wir zum Zuschnitt eine ganz normale Schneiderschere, was prima funktionierte.

Den Verlauf der Abnäher übertrugen wir mit Stecknadeln auf den Stoff.

Grundsätzliches zum Nähen von Crinkle

Für alle Maschinennähte verwendete ich einen 3 mm langen Steppstich. Einen Zickzackstich für gerade Nähte halte ich für unsinnig, da sie erstens nicht gut aussehen und zweitens die sich daraus ergebende Elastizität nicht sinnvoll ist.

Der in der Ideensammlung bereits erwähnte Teflonfuß kam zum Einsatz; vermutlich funktioniert das Nähen aber auch – sofern richtig vorbereitet – mit dem normalen Steppfuß.

Abnäher und Schulternähte schließen

Crinkle-Bluse: Schulternaht mit Ärmelansatz von oben

Crinkle-Bluse: Schulternaht mit Ärmelansatz von oben

Diese quer bzw. leicht schräg zur Laufrichtung verlaufenden Nähte müssen sehr exakt vorbereitet werden, damit sie später jeweils gleich geraten. Die Fältchen im Crinkle dürfen dabei nicht auseinander- oder zusammengeschoben werden.

Heften

Zur Vorbereitung hefteten wir die Nähte zunächst mit der Hand mit engen Stichen. Es ist wichtig zu messen, ob die Längen rechts und links jeweils gleich sind und der jeweiligen Länge im Schnittmuster entsprechen. Man ist sehr leicht versucht, sie entweder zu eng zusammenzuschieben oder etwas zu großzügig auseinanderzuziehen.

Anti-Faltenschiebe-Hilfsschicht aufheften

Sobald die geheftete Naht die richtige Länge hatte und von rechts gut aussah, hefteten wir mit einem weiteren Heftfaden noch einen schmalen Streifen eines Hilfsmaterials auf, das das Verschieben der Crinkle-Fältchen verhindern soll und nach dem Nähen entfernt wird.

Beim Probelauf verwendete ich schmale Streifen einer Papierserviette. Die Naht ließ sich damit sehr gut steppen, aber den Serviettenstreifen zu entfernen, war üble Fieselei. Zahlreiche winzige, rote Fussel blieben in der Naht hängen und ließen sich nur schwer von dem dunkelblauen Stoff des Probestücks entfernen.

Das vom Stoffgeschäft empfohlene Stickvlies (weiß) ließ sich ebenfalls sehr gut nähen, aber nur ganz schlecht herausziehen.

Seidenpapier – ich weiß leider nicht, wo man welches kaufen kann, die Nichte hatte jedoch welches vom letzten Schuhkauf übrig – ließ sich genauso gut wie die beiden textilen Hilfsmaterialien mitnähen und viel leichter herausreißen. Wir verwendeten es für alle nicht-senkrechten Nähte.

Was immer Sie verwenden: Am besten probieren Sie mit einem kleinen Probeläppchen aus, ob das Hilfsmaterial gut zu handhaben ist.

Nach dem Steppen entfernten wir das Seidenpapier und versäuberten an den Schulternähten die Kanten mit einem kleinen Zickzackstich. Dabei muß man den Stoff ein wenig zusammenschieben und mit geringem Füßchendruck dafür sorgen, daß die Kanten sich nicht unnötig aufweiten.

Halsausschnitt versäubern

Halsausschnitt der Crinkle-Bluse von innen

Halsausschnitt der Crinkle-Bluse von innen

Bei einem nicht-Crinkle hätte ich hier mit einem Beleg gearbeitet; für den Crinkle entschlossen wir uns aufgrund der Rundungen entlang des Halsausschnitts, mit Schrägband zu arbeiten.

Blaues Schrägband im passenden Ton gab es leider nicht, grau war noch am nächsten an der gesuchten Farbe. Schrägband aus Crinklestoff ist leider nicht geeignet.

Wichtig ist es, das Schrägband rechts auf rechts gleichmäßig aufzustecken und dann zu heften. Danach konnten wir es ganz normal aufgesteppen. Wir falteten es ganz nach innen um, steckten und nähten es dann von Hand mit kleinen Blindstichen von innen fest.

Knopfleiste verstärken

Für glatte Stoffe geeignete Bügeleinlage geht bei Crinkle gar nicht; für die Knopfleiste verwendeten wir eine Näheinlage, die wir entlang der umgeschlagenen Innenkante des angeschnittenen Belegs mit einem Zickzackstich festnähten. Nach dem Umschlagen nähten wir die Knopf- bzw. Knopflochleisten von innen mit der Hand an.

Ärmel einsetzen

Ich nähe Ärmel gerne ein, bevor ich die Seitennähte schließe; diese Naht geht dann in einem Stück vom Ärmelsaum bis zum Blusensaum durch. Allerdings ist diese Technik nur für Schnitte geeignet, die man kennt, und die bekanntermaßen gut passen.

Gleiche Technik wie bei Abnähern und Schulternaht:

  1. heften
  2. Heftnaht prüfen + ggf. korrigieren
  3. Seidenpapier aufheften
  4. Naht steppen
  5. Seidenpapier entfernen
  6. Naht versäubern.

Bindebänder nähen

Die blaue Bluse hat auf Taillenhöhe rechts und links jeweils zwei schmale Bindebänder, die entweder miteinander nach hinten oder nach vorn und hinten gebunden werden können, um die Bluse etwas zu taillieren. Alternativ sieht eine Schleife jeweils rechts und links bei gerade fallender Bluse auch pfiffig aus.

Die Bindebänder wurden in Laufrichtung zugeschnitten und als Streifen rechts auf rechts gelegt längs genäht – eine völlig unproblematische Naht. Die auf rechts gedrehten Bänder nähten wir beim Schließen der Seitennähte mit ein.

Ärmel- und Seitennähte schließen

Da die Ärmel nach unten ein wenig schmaler wurden, war auf diesem Stück wieder Seidenpapier vonnöten.

Die gerade geschnittenen Seitennähte versäuberten wir einzeln; sie ließen sich ohne Hilfsmittel steppen. Dennoch hefteten wir die Nähte vorher komplett, um jegliches Verschieberisiko auszuschließen.

Im unteren Teil der Seitennähte ließen wir für einen seitlichen Schlitz jeweils ein Stück offen.

Säume

Innen mit Schrägband versäuberter Saum der Crinkle-Bluse

Innen mit Schrägband versäuberter Saum der Crinkle-Bluse

Die ursprüngliche Idee, die Saumkanten mit einem Zickzackstich zu versäubern und dann einfach umzuschlagen, ließ sich leider nicht umsetzen. Der Zickzack schob den Stoff trotz Teflonfuß viel zu sehr auseinander, während sich das Seidenpapier aus dem Zickzack nicht entfernen ließ.

Schließlich verwendeten wir einen ganz schmalen Streifen Schrägband, nähten dieses – nach Stecken und Heften, versteht sich – mit einem Zickzackstich an die Saumkante und klappten dann den so verstärkten und versäuberten Saum nach innen um.

Den eigentlichen Saum nähten wir mit einem Blindstich mit der Hand fest.

Knopflöcher und Knöpfe

Knopfleiste an der Crinkle-Bluse

Knopfleiste an der Crinkle-Bluse

Weil senkrecht in Stofflaufrichtung positioniert, ließen sich die Knopflöcher ganz problemlos mit der Knopflochautomatik der Nähmaschine nähen. Die Einlage gab dem Stoff genügend Halt.

Die Knöpfe nähten wir von Hand an.

Fertigstellung der Crinkle-Bluse

Nasse Crinkle-Bluse trocknet zusammengedreht

Nasse Crinkle-Bluse trocknet zusammengedreht

Vom Nähen und der Handhabung strapaziert, sah die fertige Bluse etwas zerknittert aus. Wo man andere Stücke noch ein einmal ordentlich ausbügeln würde, war hier erneutes Naßmachen und Trocknen – wieder zusammengedreht auf einem Handtuch liegend – die richtige Lösung.

Fazit

Die Bluse ist gelungen; der Stoff trägt sich traumhaft gut, und das Geburtstagskind hat sich über das Geschenk der Näh-Kooperative sehr gefreut.

Ob ich nochmal Crinkle verarbeiten würde? Ja … wenn es ein unwiderstehlich schöner Stoff ist, dessen Farbe, Griff und Material mir gut genug gefällt, um mir dieses mühselige Prozedere noch einmal anzutun!

Die Schnittmuster für diese und meine Übungs-Crinkle-Bluse habe ich übrigens mit dem PatternMaster-Schnittmusterprogramm erstellt.

3 Gedanken zu „Crinkle: himmlisch zu tragen, höllische Verarbeitung

  1. Fred

    Hallo Hildegard, ich bin grad zufällig hier vorbeigekommen, als ich meinen schwäbischen Kollegen beweisen wollt, daß es das wunderbare Wort „zusammengeschnurzelt“ tatsächlich gibt :o)
    Grüße nach Roihesse!

    Fred