Gitarre spielen lernen mit 50+

Akustische Gitarre mit tiefer Saitenlage und weicher Besaitung

Akustische Gitarre mit tiefer Saitenlage und weicher Besaitung

Irgendwann in diesem Leben noch Gitarre – oder noch lieber Laute – spielen zu lernen, geistert mir schon seit geraumer Zeit durch den Kopf …

Wobei es Gitarren quasi an jeder Ecke und schon recht preiswert gibt, während eine Laute oder Gitarrenlaute locker eine Null mehr – vor dem Komma – auf dem Preisschild trägt.

Für den Anfang schien es mir logischerweise ein guter Gedanke, zunächst einmal eine Gitarre ins Auge zu fassen.

Schmerzhafte Vorversuche mit der Gitarre

Als im letzten Spätsommer eine Nichte ihre Gitarre zu uns mitbrachte, durfte ich diese versuchshalber in die Hand nehmen und ein wenig herumprobieren. “Ist gar nicht schwierig, tut nur am Anfang weh, bis Du ordentlich Hornhaut auf den Fingern hast”, war einer der Kommentare, der die Idee, dieses Instrument spielen zu wollen, zunächst praktisch im Keim erstickte.

Beim Versuch, meine Finger auf den Saiten am Hals einzusortieren und diese so niederzudrücken, daß ein angenehmer Ton rauskam, fragte ich mich in der Tat, warum denn überhaupt jemand es sich antut, seine Finger mit diesem Schnittwerkzeug zu malträtieren. Wenn einem schon nach ein paar Minuten Herumprobieren die Finger wehtun, wie soll man dann vernünftig und lange genug üben?! Und der Gedanke an “ordentlich Hornhaut” auf den Fingerspitzen machte die Sache nicht eben attraktiver. 🙁

Da besagte Nichte in der Folgezeit nach längerer “Abstinenz” wieder öfter spielte, hörte ich mir ihre Klagen über die schmerzenden Finger an. Ein weiteres Familienmitglied war zeitgleich vom Gitarrenfieber infiziert und ließ ähnliche Klagelaute vernehmen. Sowas brauchte ich für mich gar nicht!

Mein Mann bekam die familieninternen Gitarrendiskussionen natürlich mit und fragte mich explizit, ob ich denn nun Gitarre lernen wolle oder lieber doch nicht? Meine Antwort: vom Klang her würde ich sehr gerne – aber nicht um den Preis von verhornten und/oder gar schmerzenden Fingerspitzen.

Überraschung

Der Schmerz- und Hornhautproblematik wegen hatte ich mir inzwischen die Idee von der Gitarre längst wieder abgeschminkt. Definitiv unter diesen Umständen nicht mein Instrument.

Umso überraschter war ich, zum Hochzeitstag mit einer Gitarre beschenkt zu werden – plus etlichen Infos darüber, warum genau diese Gitarre keine(!) Schmerzen verursachen könne:

Schmerzfrei Gitarre spielen

Kluger und lieber Mensch, der HJ ist, hatte er sich klammheimlich gen Musikladen aufgemacht, um sich beraten zu lassen. Der Verkäufer war offensichtlich kompetent, denn er stellte klar, daß für einen Anfänger tatsächlich nur eine Gitarre infrage kommt, die

  1. eine akustische Gitarre mit Nylonsaiten ist, keine(!) Westerngitarre mit (extrem harten und dünnen) Stahlsaiten,
  2. eine tiefe Saitenlage hat (heißt: der Abstand zwischen Griffbrett und Saiten ist sehr klein) und
  3. mit entsprechend weichen Saiten ausgestattet ist (es gibt auch harte).

Und in der Tat: schon bei den allerersten Versuchen konnte ich feststellen, daß sich meine Gitarre tatsächlich sehr weich greift und sich völlig anders anfühlt als die der Nichte. Damit können meine Finger klarkommen – sofern ich es mit der Spieldauer nicht übertreibe.🙂

Eine geübte Spielerin, die selbst eine Westerngitarre mit Stahlseiten spielt, bestätigte, die meine sei “weich wie Butter”.

Lehrmaterial für den allerersten Anfang

Nun stellte sich die Frage, womit man als blutiger Anfänger anfängt? Wahllos und unkontrolliert irgendwelches Zeug vor sich hin zu klimpern, macht nicht wirklich Laune und strapaziert die Ohren aller Anwesenden – inklusive des Musikanten – unnötig.

Im Internet gibt es in Hülle und Fülle Anleitungen für das Gitarrenspiel – vom Anfänger bis zu komplizierten Dingen, die ich sicher niemals spielen werde. Zum Schnuppern reicht es auf jeden Fall, und ich konnte anhand verschiedener Lehrvideos die ersten Griffe ausprobieren.

Ganz besonders gut für den Einstieg gefällt mir das “Lagerfeuerdiplom” auf der Seite WikiBooks. Es liefert sehr anschaulich aufbereitetes Material, mit dem man die ersten Griffe gut lernen kann. Wer will, kann die Theorie mitnehmen, muß aber nicht.

Liederauswahl

https://www.weingut-fuchs.de/blog/

Eine Sammlung von Ohrwürmern

Die Songauswahl im “Lagerfreuerdiplom” ist der wenigen vom Urheberrecht freien Stücke wegen relativ klein und nicht so ganz nach meinem Geschmack; hier hilft mir das von HJ gleich mitgeschenkte Songbook weiter.

Das “Fetenbuch für Alt und Jung” enthält eine Sammlung von Ohrwürmern aus ganz unterschiedlichen Genres.

Die Auswahl reicht vom besinnlichen Liedermacher-Song über Schlager- und Partyhits bis zum Volkslied; es ist buchstäblich für jeden etwas dabei.

Alle Lieder kommen mit Noten für die Melodie plus im Notensystem eingetragenen Gitarrenakkorden daher. Dazu gibt es den Text, ebenfalls mit Akkordsymbolen ausgestattet, und – für Anfänger ganz wichtig! – für jedes Lied Griffabbildungen aller darin vorkommenden Akkorde. Am empfohlenen “Schlagmuster” kann man sich nach Belieben orientieren.

Lernhemmnis fortgeschrittenes Alter?

Nur Mut! Nach meinen jetzt gut 4 Wochen jungen Erfahrungen ist es auch im zarten Alter von 57 Lenzen durchaus möglich, mit der Gitarre zurechtzukommen und zumindest ein paar Grundtechniken zu lernen.

Wer keine Lust hat, sich mit Noten oder jeglicher Art von Musiktheorie auseinanderzusetzen, braucht dies auch nicht, sofern die Gitarre als Begleitinstrument gespielt wird. Hierfür reicht es völlig, ein rundes Dutzend Akkorde greifen und mit der rechten Hand ein wenig Schlagtechnik zu lernen.

Viele Stücke lassen sich mit erstaunlich wenigen Akkorden begleiten; mit den wichtigsten sechs Akkorden aus dem Lagerfeuerdiplom kommt man wirklich schon sehr weit.

Inzwischen habe ich mir zusätzlich einen Lehrer gesucht, bei dem ich gelegentlich – aber nicht regelmäßig, das kriege ich zeitlich einfach nicht hin – noch eine Stunde Unterricht bekomme, damit ich mir keine gröberen gitarrentechnischen Unarten aneigne.

9 Gedanken zu „Gitarre spielen lernen mit 50+

  1. Chris

    Irgendwann als Kind hab ich mal kurz an Seiten gezupft und gemerkt, dass es nach kurzer Zeit schmerzt. Da hab ich mich gefragt, warum man sich sowas antut. Kindliche Gedanken… Dass es Gitarren mit unterschiedlich harten Seiten gibt, ist mir neu. Gute Sache.

    Ich denke das fortgeschrittene Alter spielt beim Instrument Lernen keine gewichtige Rolle. Man kann bis ins sehr hohe Alter (90+) ein Instrument lernen. Vielleicht langsamer. Viel hängt von der Motivation ab und von der Übungsdauer. Wie auch bei jungen Anfängern. Vor kurzem hab ich einen Text gelesen, in dem sogar stand, dass das aktive Musizieren die Gedächtnisleistungen verbessert, gegen Einsamkeit und Depression hilft und das Demenzrisiko stark reduziert. Ferne wurde erwähnt, dass selbst demenzerkrankte Anfänger noch ein Instrument neu erlernen können (in dem Fall ging es um das Klavier).

    Ein guter Lehrer ist immer vorteilhaft. Bei Zeitproblemen kann ein Onlineunterricht vielleicht helfen (z.B. via Skype).

  2. Gabriele Lügger

    Hallo Hildegard,
    Anfang des Jahres habe ich mir vorgenommen, Keyboard spielen zu lernen. Bis jetzt ist mir immer etwas dazwischen gekommen. Ich hoffe sehr, dass ich bis Ende des Jahres ein leichtes Lied spielen kann.
    Wünsche Dir und Deiner Gitarre viel Erfolg.
    LG
    Gaby

    1. Hildegard Fuchs Beitragsautor

      Hallo Gaby,
      dann aber mal ran an die Tasten, damit es noch rechtzeitig klappt mit den Weihnachtsliedern. 🙂 Dafür gibt es übrigens sehr viele schöne, ganz einfache Bearbeitungen, mit denen Du auch als ganz blutiger Anfänger ziemlich schnell klarkommst.
      Viel Erfolg + herzliche Grüße
      Hildegard

  3. Peter Tillig

    Wenn sie eine originelle, neuartige Gitarrenschule für Anfänger suchen dann empfehle ich die von mir. Brandneu zunächst als Rohling in meinen Gratisdownloads.
    Ab 1. Augustwoche gebunden: Die Vogelhochzeit-Gitarrenschule.
    Beuchen sie mich doch einfach mal auf meiner Homepage.
    Wünsche viel Spaß,
    herzlich
    Peter Tillig

    1. Hildegard Fuchs Beitragsautor

      Ein klassischer Werbekommentar, den ich auf nofollow stelle. Den “Gratisdownload” auf der Seite kann ich leider nirgendwo finden … 🙁

  4. Sun Yi

    Ganz Toll!
    Ich bin jetzt 54 J. geworden. letzte Sommer hatte ich auch beschlossen, Gitarre spielen zu lernen. Ich freue mich, dass dass es so viele gleich gesinnten mutigen Menschen gibt.

  5. Urs

    Habe mit 52 Gitarre als Erstinstrument begonnen, zuerst mit Gruppenkursen, dann ein paar Einzelkurse, dann nur noch per Youtube. Ich könnte stundenlang rumklimpern, habe viele Lieder gelernt, kenne viele Griffe, mag den Klang meiner Westerngitarre, spiele täglich und viel.
    Mittlerweile bin ich neun Jahre älter und muss gestehen, ich könnte kein einziges Stück in einer präsentierbaren Qualität spielen. Ich bin einfach zu wenig talentiert und treffe mit beiden Händen die Saiten zu wenig präzise, dann scheppert der Klang, oder es war die Falsche Saite, die angezupft wurde. Hier sehe ich echt das Limit vom Alter. Ich kriege fast jedes Stück in kurzer Zeit so hin, dass man es erkennt, ob von Ultimate Guitar oder auswendig, aber um auf einen Level zu kommen, dass andere hinter vorgehaltener Hand nicht sagen: „Dass der sich nicht schämt…“, da bin ich einfach meilenweit weg.
    Ich finde, da muss man auch mal ehrlich sein, es sind im Grunde die Feinheiten, die Präzision, die man als Kind entwickelt, aber im Alter nicht mehr hin bekommt. Barre-Griffe (F und Bm) habe ich mindestens sieben Jahre geübt, bis sie halbwegs spielbar waren. Aktuell übe ich Travis-Picking und die Unabhängigkeit von Basslauf und dem Rest der Hand und das will einfach nicht mehr ins Hirn rein. Katastrophe.

    1. Hildegard Fuchs Beitragsautor

      Hallo Urs,
      danke für Ihren Kommentar! Daß man mit 50+ nicht mehr zum Virtuosen wird, ist auch mir klar, aber für ein wenig Musik für den Hausgebrauch, einfach nur aus Freude am Musizieren, reicht es allemal. Schließlich geht es um den eigenen Spaß und nicht darum, vor Publikum zu brillieren.
      Ich passe bei den Barrégriffen auch noch immer…
      Wünsche weiter viel Spaß beim Spielen!

  6. Roland Engels

    Schön geschrieben und wirklich motivierend. Ich selbst bin mit 59 Jahren dabei, meine längst verloren gegangenen Spieltechniken wieder auf zu frischen. Nach fast 30 Jahren Pause fängt man fast von vorne an. Gleichzeitig musiziere ich zusammen mit Frau und Sohn, die in Sachen Unterhaltungsmusik, Blues, Rock´N Roll blutige Anfänger sind. Was die Hornhaut- und Schmerzensklagen angeht: so schlimm ist es nicht. Anfangs zwickt es ein wenig und wenn man es übertreibt, tut das den Fingern auch nicht wirklich gut. Die Hornhaut an den Fingerspitzen ist absolut unsichtbar, aber wer ein wenig erweitertes Repertoire spielen will, kommt um Stahlsaiten nicht herum. Wer Sport treibt, hat öfter mal einen Muskelkater, wer Gitarre lernt, hat öfter anfangs ein leichtes Zwicken in den Fingerspitzen. Nach 4 Wochen jedoch ist das vergessen und ab da fängt das Gitarrenspiel erst richtig an. Mit einem Lehrer, der aus der Rockmusik, noch besser aus dem Blues und Jazz kommt, lässt sich auch im gesetzten Alter spielend leicht etwas „kompliziertere“ Musik erlernen. Sobald man die „Solfège“ also Harmonielehre (das geht auch ohne Noten TOP) in der modernen Musik begriffen hat – was sehr simpel ist – steigt der Spaßfaktor auf „doppelt“. Die Gitarre spielt eine wesentliche Rolle, ob und wie gut man zu spielen lernt. Es gibt Gitarren, da braucht es nur einen sehr geringen Fingerdruck, um einen klaren Ton heraus zu bringen, auch mit Stahlsaiten; und es gibt Gitarren, mit denen man nie klar kommt. Da gilt es, selbst im Musikgeschäft auszuprobieren. Auch kann ein Saitenwechsel den Charakter einer Gitarre grundlegend ändern. Dazu sollten Beginners immer erst eine Fachperson befragen. Zum Schluss noch ein Tip: Keine Angst vor Fehlern und falschen Noten, denn je unbedarfter die Sache angegangen wird, je größer die Chance, es gut zu erlernen und um so größer der Spaßfaktor.