Krimi Nr. 1: Der China-Trick

Die allerersten Anfragen von Trickbetrügern bekamen wir, und die meisten bekommen wir immer noch aus China. Die Masche, die wir den “China-Trick” nennen, wird seit Jahren probiert, und Betrüger finden mit ihr offensichtlich noch immer erfolgreich neue Opfer.

Warum die Methode gerade in China so beliebt ist, konnte ich bis heute nicht nachvollziehen. Derartige Scamversuche erreichten uns jedenfalls wir bisher nur aus dem Reich der Mitte.

Eine plausible Anfrage

Wie schon in der Einleitung Krimi-Abenteuer beschrieben, sind die Anfragen von vorgeblichen Interessenten oft recht plump, weil hoffnungslos übertrieben.

Diesmal gab es allerdings eine sehr dezente und gemäßigte Email, dazu eine volle Namens- und Adreßangabe und eine offensichtlich mit Wein befaßte Webseite. So weit, so glaubwürdig.

Indizien pro und contra

Man muß wissen, daß es auch bei geschäftlich genutzten Emailadressen in China keineswegs unüblich ist, eine Freemailadresse zu verwenden. Ferner ist auf der Webseite einer Firma nicht zwingend jeder Kontakt des Hauses aufgeführt. Aus diesen Faktoren lassen sich also weder positive noch negative Rückschlüsse ziehen.

Die angefragte Menge war durchaus glaubwürdig: vier verschiedene Weine, davon jeweils eine Palette, sind für einen Importeur ein plausibles Maß. Überdies ging es um ganz normale Qualitätsweine, nicht um extrem teure Weine.

Der dritte Punkt, der den Interessenten glaubhaft erscheinen ließ, war die Frage nach einem guten Preis bzw. Rabatt.

Fazit: kein Grund, die Anfrage sofort zu müllen, sondern vielmehr sich höflich für das Interesse zu bedanken und eine Weinkarte zu mailen.

Erste Zweifel … Scammer?

Während der folgenden Emailkorrespondenz tauschten wir Informationen über Preise, Ausstattung, Verpackung und Transportmöglichkeiten aus.

Seltsamerweise war aber nie die Rede von Probeflaschen, und auch die für China notwendigen Analysewerte standen nicht zur Debatte. Dadurch begann die ganze Angelegenheit, an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Scammer!

Dann endlich bekamen wir Klarheit: der Interessent schickte die beim China-Trick unvermeidliche Einladung zur Vertragsunterzeichnung. Unser “CEO” (Chef) sollte schnellstmöglich (aha, Dringlichkeit!) anreisen. Man wolle sich vor dem Abschluß unbedingt persönlich kennenlernen und dann gemeinsam unterzeichnen.

Damit war der Fall eindeutig; wir hatten unsere Zeit mit einem Betrüger verschwendet, der an Weineinkauf keinerlei Interesse hat.

Pech für die Scammer

Zu unserem großen Glück hatten wir bereits über derartige Machenschaften gelesen und kannten einige ähnlich gelagerte Fälle. Neugierig, wie es wohl weiterginge, beschlossen wir, die Korrespondenz noch ein wenig weiterzuführen.

Wir schrieben daher höflich zurück, daß eine Auslandsreise – und ganz besonders eine so kurzfristig geplante – wegen des engen Terminkalenders unseres Chefs undenkbar sei. Vertragsdetails könnten wir doch weiter per Email verhandeln und die Originale dann per Kurierdienst austauschen?

Nein, keineswegs, war die Antwort. Ein persönliches Kennenlernen sei unabdingbar; andernfalls habe man an einer Zusammenarbeit kein Interesse und suche sich einen kooperativeren Geschäftpartner.

Auf unseren Vorschlag – wenn ein persönliches Treffen so wichtig sei – die chinesische Geschäftsleitung gerne bei uns zu begrüßen – erhielten wir eine Aufforderung zur Überweisung von 3000 Euro Reisekosten. Unserer immer noch überaus höflichen, aber ablehnenden Email folgte eine Antwort in chinesischer Sprache, deren Übersetzung leider nicht salonfähig ist.

Was passiert tatsächlich?

Ist der Lieferant erst einmal bereit, seinen Kunden zur Vertragsunterzeichnung zu besuchen, nimmt das Übel fast unbemerkt und ganz en passent seinen Lauf, denn der Lieferant – in der Regel landesunkundig und nicht der Sprache, ja nicht einmal des Lesens mächtig – kann das Hintergrundgeschehen während seines Besuches nicht verfolgen.

Der Lieferant erfährt nicht, daß das vom Interessenten freundlicherweise für ihn organisierte Hotel dem Scammer Provision zahlt, genau wie es Restaurants und eventuell auch weitere Etablissements tun, in die er seine zukünftigen Kunden ausführen wird.

Verhandlungen

Man verhandelt zäh und über Tage hinweg. Der Kunde hat alle Zeit der Welt, denn er sitzt zuhause, warm und trocken, während der Lieferant – mit bereits gebuchtem Rückflug und tickender Spesenuhr, stets mehr in Zeitbedrängnis gerät.

Unterdessen macht man ihm klar, wie Gastfreundschaft zu verstehen ist (Lieferant lädt Kunden ein), und daß einige nette Geschenke für die Mitglieder der Geschäftsleitung, die mit ihm den Vertrag unterzeichnen sollen, eine angemessene Geste seien …

Selbst wenn der bisher Argsloseste hier endlich mißtrauisch werden sollte, steht er doch so kurz vor dem vermeintlichen Erfolg, daß er diesen nicht riskieren und einige (teure!) Präsente erstehen wird.

Vertragsabschluß

Sind alle diese Verhandlungsrituale durchlaufen, erhält der Lieferant – um die Reisekosten und einige tausend Euro unvorhergesehener Spesen ärmer – endlich seinen Vertrag, mit dem er glücklich nach Hause reist.

So weit, so gut.

Der Pferdefuß

Wer nun glaubt, daß so nun einmal Geschäfte gemacht werden, hat den Trick immer noch nicht durchschaut.

Der Lieferant, in freudiger Erwartung des tollen Auftrags wartet … und wartet … und wartet …, denn jetzt passiert einfach nichts mehr. Gar nichts. Und es wird auch nichts mehr passieren. Emails werden nicht beantwortet, irgendwann kommen sie als unzustellbar zurück.

Und spätestens hier fängt es an zu dämmern, daß der China-Trick einzig und allein darauf abzielte, den Lieferanten ins Land zu locken, ihn dort zum Geldausgeben und zum Kauf von Geschenken zu animieren, um ihn dann mit einem “Vertrag”, sein Papier nicht wert ist, wieder nach Hause fliegen zu lassen.